
Wer alle Probleme gleich behandelt, wird den Entscheidenden nicht gerecht.
🕒 Lesezeit: 4,5 Minuten
„Da sind mehrere Schwerpunkte in meiner Klausur. Also behandle ich alle ungefähr gleich ausführlich.”
Klingt vernünftig, ist aber Quatsch.
Not all Schwerpunkte are created equal.
Manche Rechtsprobleme sind einfach das: rechtliche Probleme. Du musst sie sehen, kurz abarbeiten und weitermachen.
Andere Rechtsprobleme sind Weichensteller.
Wenn du irgendwo in deiner Gliederung feststellst, dass die Klausur in eine völlig andere Richtung läuft, je nachdem, wie du dich entscheidest – dann hast du einen Weichensteller gefunden.
Du prüfst die Wirksamkeit eines Vertrags mit einem Minderjährigen. Je nachdem, ob der Vertrag wirksam ist oder nicht, bleibst du bei vertraglichen Ansprüchen oder landest im Bereicherungsrecht.
Weichensteller wie diese geben überproportional viele Punkte, weil an ihnen sichtbar wird, ob du den Fall verstanden hast.
Zeit ist nicht das Problem.
Das eigentliche Problem ist Gewichtung.
Du schreibst nicht zu langsam; du erkennst nur einfach nicht früh genug, wo sich die Klausur entscheidet.
Wenn du glaubst, dein Problem sei Schreibtempo, suchst du nach Wegen, schneller zu werden.
Kann helfen. Aber nur begrenzt.
Wenn du nämlich an den falschen Stellen schneller wirst, bist du am Ende nur effizienter falsch unterwegs. Auch eine Leistung. Aber nicht unbedingt die, die wir wollten.
Um möglichst früh zu erkennen, welche Fragen die Klausur entscheiden, nutze ich die FGP²-Methode.
Die Idee dahinter ist simpel: Du erstellst ganz normal deine Gliederung, legst aber noch vor der Reinschrift fest, wie ausführlich du die einzelnen Punkte behandeln willst.
Nicht in Stunde 4 oder 5, sondern relativ weit am Anfang, wo du noch halbwegs vernünftig denken kannst.
… und so geht’s:
Du versiehst jeden Gliederungspunkt mit einem Buchstaben:
F steht für Feststellungsstil.
Ein Satz. Abhaken. Weiter.
G steht für Gutachtenstil.
Hier liegt eine leichte Abweichung vom einfachen Fall vor. Du leitest kurz her, subsumierst, Ergebnis.
p steht für ein typisches Problem.
Hier brauchst du zumindest eine kurze argumentative Auseinandersetzung.
P steht für die großen Schwerpunkte – die Weichensteller.
Du willst nicht während der Reinschrift permanent neu entscheiden müssen, wie wichtig der Punkt jetzt gerade ist. Diese Entscheidung fällt dir später nicht leichter. Also verlagerst du sie nach vorn.
Nehmen wir einen kurzen Auszug aus einer Original-Examensklausur im Zivilrecht.
E und A schließen einen Mietvertrag über ein Bürohaus. Die Fenster sind schon bei Vertragsschluss undicht. Mündlich vereinbaren sie nur, dass die Fenster bald einmal kontrolliert werden müssen.
Im September wird es kälter. A merkt, dass die Fenster undicht sind, beauftragt sofort einen Schreiner, zahlt 6.000 € und will das Geld von E zurück.
Mach nicht den Fehler, jetzt erstmal 20 Minuten über die mündliche Vereinbarung nachzudenken.
Ja, vielleicht ist das ein Problem.
Unsere Leitfrage für die Klausur lautet nicht: „Wo könnte ich überall was prüfen?“
Der Weichensteller liegt bei § 536a Abs. 2 BGB.
Genauer: bei der Frage, ob A die Fenster auf eigene Faust reparieren lassen durfte und anschließend Ersatz verlangen kann.
Dafür muss man unterscheiden:
War E mit der Mangelbeseitigung in Verzug?
Eher nein. Mit „Die Fenster müssen bald einmal kontrolliert werden“ hat sich E mit Sicherheit noch nicht zur Mangelbeseitigung aufgefordert.
War die sofortige Beseitigung zur Erhaltung oder Wiederherstellung des Bestands der Mietsache notwendig?
Auch das ist zweifelhaft. Es wurde kälter, die Fenster waren undicht, aber A hat E vorher nicht einmal informiert.
An dieser Stelle entscheidet sich, wie es mit dem Fall weitergeht.
Denn wenn § 536a Abs. 2 BGB nicht durchgeht, stellt sich anschließend die Frage, ob andere Ansprüche daneben überhaupt noch möglich sind: § 539 Abs. 1 BGB, GoA, Bereicherungsrecht.
Nicht jede Auffälligkeit im Sachverhalt verdient deine volle Aufmerksamkeit.
Die mündliche Vereinbarung springt ins Auge, aber sie entscheidet den Fall nicht.
536a Abs. 2 BGB schon.
Da gehört deine Zeit investiert.
Wenn du in Klausuren regelmäßig nicht fertig wirst, solltest du nicht zuerst dein Schreibtempo verdächtigen.
Das ist die bequeme Erklärung, aber leider zu 98 % die falsche.
Du musst prüfen, ob du deine Zeit richtig allokierst.
Frag dich nach der Klausur:
Habe ich die Weichensteller erkannt und bei ihnen mehr geschrieben als bei den kleineren Problemen, oder aus Angst vor Lücken überall ein bisschen gemacht?
Markiere bei deiner nächsten Klausur vor der Reinschrift jeden Punkt mit F, G, p oder P.
Danach vergleichst du deine Gewichtung mit der Musterlösung.
Wo hast du zu viel gemacht? Wo zu wenig?
Wenn du nach mehreren Klausuren merkst, dass du die entscheidenden Fragen immer erst in der Musterlösung erkennst, ist das definitiv ein Warnsignal.
Dann fehlt dir ein zentraler Klausurskill.
PS: Wenn dieses Problem dich seit Monaten begleitet und du beim Nachbereiten immer wieder denkst: „Ach so, darauf wollten die hinaus“, brauchst du ein System, mit dem du Weichensteller früher erkennst und deine Klausur entsprechend ausrichtest.
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