JNG #377: Das wusste ich eigentlich.

 🕒 Lesezeit: 6 Minuten (worth it)

Wenn du dir einfach mal nur die letzten drei Korrekturen anschaust, die du zurückbekommen hast: Stand da sowas wie „Sachverhalt nicht ausgewertet“ oder „Schwerpunkt übersehen“?

Man ist dann natürlich schnell geneigt, das Thema einfach (nochmal) zu lernen. Das ist aber nicht zwingend der richtige Ansatz.

Wie oft hast du dir nach Lesen der Lösung gedacht: „Das wusste ich eigentlich.“

Stimmt und stimmt nicht. Ja, du hast vielleicht das Wissen, aber der Sachverhalt erinnert dich nicht zuverlässig daran. Damit ist es in der Prüfung nichts wert. Es fehlt der Übergang Sachverhaltsangabe → Rechtsfrage → Prüfprogramm.

Einzelne Schwerpunkte bearbeitest du durchaus ordentlich; andere fallen komplett hintenüber. Manche Auffälligkeiten im Sachverhalt finden sich in deiner eigenen Lösung überhaupt nicht wieder. Oder du verlierst die Punkte nicht, weil du einen bestimmten Streitstand falsch löst, sondern weil du das Fass gar nicht erst aufmachst.

Wenn du dich in diesen Beschreibungen wiederfindest, hab ich heute was wirklich Starkes für dich: einen Drill, mit dem du das auf kurz oder lang in den Griff bekommst.

Aber Achtung: Nicht jede*r wird gleich viel mit dieser Übung anfangen können. Das Ding richtet sich an Leute mit einem Übersetzungsproblem zwischen Sachverhalt und rechtlicher Struktur. Mach sie vor allem dann, wenn die Schwerpunkte des Falls bei dir schon zwischen Sachverhalt und Lösungsskizze verloren gehen.

Viele Worte, bevor es endlich losgeht, aber mir ist das wichtig. Ich würde das ausdrücklich von drei anderen Problemen abgrenzen, bei denen der Drill auch entsprechend anders aussehen müsste:

  • Wenn du die Schwerpunkte zumindest in deiner Skizze hast, sie aber wegen Zeitnot nicht mehr ausschreibst, ist das ein anderes Problem.
  • Wenn du die Rechtsfrage siehst, aber fachlich nicht lösen kannst, ist das ein anderes Problem.
  • Wenn du erkennst, dass eine Sache ein Schwerpunkt ist, du aber zehn Minuten vom Verwaltungsrechtsweg erzählst, ist das ein anderes Problem.

Wenn du hier immer wieder liegenlässt, hilft es dir wenig, noch mehr Wissen anzuhäufen. Du siehst einfach nicht, wo du dein Wissen einsetzen musst.

Mit diesem Drill trainierst du eine einzige Fähigkeit: auffällige Sachverhaltsangaben in konkrete Rechtsfragen übersetzen und ihnen einen passenden Platz im Prüfprogramm zuweisen. Die Übung ist erfolgreich, wenn zentrale Schwerpunkte anschließend häufiger in deiner Skizze auftauchen. Simple as that.

So funktioniert der Drill

Arbeite den Sachverhalt einer Altklausur durch und notiere nur auffällige Angaben.

Für jede auffällige Angabe beantwortest du drei Fragen, z. B. in einer Tabelle mit drei Spalten:

  1. Auf welche Sachverhaltsangabe beziehe ich mich?
  2. Welche konkrete Rechtsfrage steckt dahinter?
  3. Wo in meinem Prüfprogramm will ich sie verwerten?

1. Sachverhaltsangabe

Notiere nur Angaben, bei denen du dir denkst: „Warum steht das da jetzt so?“

Typische Signale:

  • konkrete Zeitpunkte oder Fristen
  • Geldbeträge
  • Verletzungen oder Schäden
  • auffällig genau beschriebene Handlungen
  • Ortsangaben
  • ungewöhnliche Formulierungen
  • mehrere Ursachen für dasselbe Ereignis
  • Wechsel oder neue Abschnitte im Sachverhalt
  • ausdrücklich getrennte Fragen oder Begehren
  • Informationen, die zunächst überflüssig wirken

Bitte nicht krampfhaft jede Info verwerten.

2. Rechtsfrage

Nicht einfach nur eine Norm hinschreiben. Welche spezifische Rechtsfrage könnte Klausurersteller*in mit dieser Angabe aufwerfen?

Beispiele:

Zivilrecht: „Dort erfährt A um 10 Uhr, dass ihre gesamte Abteilung wegen des Ausbleibens der morgendlichen Müllanlieferung seit 9 Uhr nicht arbeiten kann.“

→ Welche Bedeutung hat es für ihren Vergütungsanspruch von 9 bis 10 Uhr, dass A zwar noch nicht am Arbeitsplatz war, die Abteilung aber ohnehin nicht arbeiten konnte?

Strafrecht: „Nachdem A auf seinen Hof zurückgekehrt ist und zur Beruhigung eine Zigarette geraucht hat, wirft er die noch glühende Kippe achtlos zu Boden. Wenig später greifen Flammen in Windeseile auf die Wände und das Dach des hölzernen Hühnerstalls seines Nachbarn über, der zu dessen landwirtschaftlichem Betrieb gehört.“

→ Welche Brandstiftungsdelikte kommen trotz des fehlenden Vorsatzes in Betracht?

Öffentliches Recht: „A will eine gerichtliche Entscheidung, die direkt gegenüber T Wirkung entfaltet.“

→ Muss T am verwaltungsgerichtlichen Verfahren beteiligt werden?

3. Prüfprogramm

Jetzt erst: Bei welchem konkreten Prüfungspunkt oder Tatbestandsmerkmal muss diese Rechtsfrage in der Lösung auftauchen?

Nicht nur den groben Prüfungsblock benennen, sondern den genauen Ort innerhalb der Prüfung.

Nicht nur: § 616 BGB oder Vergütungsanspruch

Stattdessen: Vergütungsanspruch 9–10 Uhr → nach § 616 weiterprüfen: § 326 II / § 615; Bedeutung des gleichzeitigen Arbeitsausfalls im Betrieb

Nicht nur: Brandstiftungsdelikte

Stattdessen: § 306d I Var. 1 i. V. m. § 306 I: taugliches Bezugsobjekt über § 306 I Nr. 6, Fahrlässigkeit

Nicht nur: Zulässigkeit

Stattdessen: Notwendige Beiladung von T, § 65 II VwGO

Nach 25–30 Minuten: Abgleich

Vergleiche mit der Musterlösung.

Ordne jeden Punkt einer dieser drei Kategorien zu:

A – Signal übersehen
Die relevante Sachverhaltsangabe ist mir gar nicht aufgefallen.

B – Falsche Rechtsfrage
Ich habe die Angabe gesehen, aber nicht verstanden, welche Rechtsfrage dahintersteckt.

C – Falscher Prüfungsort
Ich habe die Rechtsfrage erkannt, aber sie falsch zugeordnet.

Abschluss

Am Ende drei Zahlen notieren. Gezählt wird, wie viele Punkte beim Abgleich in welche Kategorie fallen:

A: __
B: __
C: __

Und einen Satz:

Mein häufigster Fehler heute war: _ (A/B/C) – __________________________

Schreib am besten nicht nur den Buchstaben hin, sondern die Kategorie und – wenn möglich – das konkrete Muster.

Beispiel: „B – falsche Rechtsfrage: Ich erkenne das Signal, übersetze es aber nicht genau genug.“

Wiederhole den Drill nach ein paar Tagen mit einer anderen Klausur. Schau nicht nur auf die Anzahl deiner Fehler, sondern auch darauf, ob immer wieder dieselbe Kategorie auftaucht.

Eine Bitte noch: nicht dauerhaft isoliert trainieren. Zwei Einheiten pro Woche für 2–3 Wochen, dann versuchen, die neu erworbene Fähigkeit in vollständige Klausuren zu integrieren.

PS: Wenn du solche Übungen nicht nur gelegentlich machen, sondern deine Examensvorbereitung konsequent vom Fall her aufbauen möchtest: Das ist die Idee hinter der endlich jura. Flatrate.

Wir entwickeln zu Beginn gemeinsam deine Strategie und einen persönlichen Startplan. Danach arbeitest du mit Original-Examensklausuren, Korrekturassistent und Workshops, entweder eigenständig (Do-it-yourself) oder mit zusätzlicher persönlicher Unterstützung durch mich (Done-with-you).

Hier kannst du dir beide Varianten ansehen und bei Interesse eine unverbindliche Startanfrage stellen:

Zur endlich jura. Flatrate →

Close

📋 In 5 Minuten zu einer entspannteren Examensvorbereitung  – mit unserer kostenlosen Checkliste

Hol dir jetzt die ultimative Examens-Checkliste und finde sofort heraus, ob dein Lernplan wirklich examensreif ist. Kompakt, praxisnah und erprobt mit über 2.000 Examenskandidat*innen.

Kostenlos herunterladen
Close

50% Complete

Two Step

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit, sed do eiusmod tempor incididunt ut labore et dolore magna aliqua.