JNG #378: Wo würdest du hier tiefer gehen?

🕒 Lesezeit: 6 Minuten

Ich bin sicher, du hast schon mal eine Lösungsskizze erstellt. Und du weißt grundsätzlich, wie man das macht.

Trotzdem bekommst du zwei Dinge nicht auf die Kette: Du gliederst bei unproblematischen Punkten unnötig ausführlich. Und du bleibst dort zu oberflächlich, wo der Fall tatsächlich kompliziert ist.

Das Ergebnis ist eine Lösungsskizze, die dir bei der späteren Reinschrift an den entscheidenden Stellen nicht wirklich hilft.

Du musst verstehen: Du brauchst nicht überall dieselbe Gliederungstiefe. Eine gute Lösungsskizze ist hier extrem grob und woanders extrem detailliert. Hauptsache ist, dass du weißt, wann du tiefer gehen musst.

Wie viel Lösungsskizze brauchst du überhaupt?

Angenommen, du löst eine Zivilrechtsklausur.

Das absolute Minimum ist, dass du vor der Reinschrift die einschlägigen Anspruchsgrundlagen identifizierst und in eine sinnvolle (besser noch: logische) Reihenfolge bringst. Dann hast du etwas, das ich als grobes Prüfprogramm bezeichne. Wenn § 823 eh easy durchgeht, musst du nichts weiter tun. Du kennst das Prüfungsschema und weißt, was du schreiben willst.

Schwieriger wird es, wenn der Sachverhalt echte Rechtsprobleme aufwirft. Dann macht es absolut Sinn, einzelne Punkte weiter zu untergliedern. Die wichtigsten Rechtsfragen des Falls solltest du möglichst schon in der Skizze sichtbar machen. An anderen Stellen lässt du das grobe Prüfprogramm einfach stehen. Du musst nicht jede Prüfung bis aa), bb) oder (1) und (2) ausdifferenzieren.

Drei Signale, dass deine Skizze nicht so bleiben kann

Ich habe dazu kürzlich in einem Workshop eine Übung vorgestellt, die du genauso für deine eigene Examensvorbereitung machen kannst.

Dafür brauchst du zunächst nur drei Entscheidungsregeln.

  1. Du stockst.

Du kommst zu einem Prüfungspunkt und merkst, dass du nicht ohne Weiteres subsumieren kannst. Vielleicht war der Mieter im Urlaub, als die Kündigungserklärung im Briefkasten landete. Dann lohnt es sich, den Punkt “Kündigungserklärung” weiter aufzuschlüsseln.

  1. Du verlierst sonst den Faden.

Du musst innerhalb eines Prüfungspunkts noch eine andere Rechtsfrage eröffnen und kommst mit den verschiedenen Ebenen durcheinander. Das kann beispielsweise bei einer Inzidentprüfung passieren. Rechtmäßigkeit eines Kostenbescheids, anyone? Hier würde ich empfehlen, zusätzliche Gliederungsebenen einzuziehen, damit du bei der Reinschrift den Überblick behältst.

  1. Der Sachverhalt durchbricht dein Standardschema.

Der Sachverhalt wirft eine Rechtsfrage auf, für die dein übliches Prüfungsschema keinen eigenen Punkt vorsieht. 

Beispiel: Du prüfst die Zulässigkeit einer Anfechtungsklage gegen eine Baugenehmigung und der Sachverhalt schildert, dass A schon drei Monate von den begonnenen Arbeiten wusste. Dann solltest du prüfen, ob eine treuwidrig verspätete Rechtsverfolgung vorliegen könnte, und einen entsprechenden Prüfungspunkt in dein Programm aufnehmen. Es geht also weniger darum, vorhandene Punkte tiefer zu gliedern, sondern dein Schema um eine fallrelevante Prüfung zu ergänzen.

Daraus ergibt sich eine simple Regel:

  • Klar und Standard? Grob lassen.
  • Unklar und relevant? Weiter untergliedern.
  • Zusätzliche Rechtsfrage im Sachverhalt? Passenden Prüfungspunkt ergänzen.

Übrigens: Wenn du diese Art von Falltraining einmal live mit mir durchspielen möchtest, hast du nächste Woche Donnerstag die Gelegenheit dazu.

Bei Fall-Feedback-Theorie LIVE arbeiten wir gemeinsam an einem echten Klausurfall und schauen, wie daraus durch Feedback und Fehlerdiagnose ein konkreter Lernplan wird.

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Now it’s your turn

Ich gebe dir einen kleinen Zivilrechtsfall mit Lösungsskizze. Die Skizze enthält das grundlegende Prüfprogramm, ist aber bewusst noch ziemlich grob gegliedert. Deine Aufgabe ist es, daraus eine Lösungsskizze zu machen, mit der du anschließend in die Reinschrift gehen könntest.

Dein Fall:

Porscheliebhaber P kauft als Privatperson beim Autohändler A einen gebrauchten Porsche zum Preis von 45.000 €. Dieser Preis entspricht dem objektiven Marktwert. Der von A verwendete, vorformulierte Standardkaufvertrag enthält eine Klausel, nach der sämtliche Gewährleistungsrechte einschließlich Schadensersatzansprüchen ausgeschlossen sind.

Bereits auf dem Nachhauseweg stellt P fest, dass der Wagen zwischendurch stockt. Daher fährt er direkt bei seinem Freund F vorbei, welcher eine Autowerkstatt betreibt, und lässt das Fahrzeug von diesem durchprüfen. F stellt fest, dass das Fahrzeug einen Defekt an der Benzinpumpe hat. Das Fahrzeug sei zwar noch fahrtüchtig, der Defekt müsse jedoch in absehbarer Zeit behoben werden. Er schätzt die Reparaturkosten auf ca. 2.000 €.

P ist sehr verärgert und fährt mit dieser Information am nächsten Tag wieder zu A, beanstandet den Mangel und fordert ihn auf, den Mangel umgehend zu beheben. Gleichzeitig kündigt er an, dass er andernfalls unverzüglich eine andere Werkstatt mit der Reparatur der Benzinpumpe beauftragen müsse, denn er benötige das Fahrzeug dringend, um damit in drei Wochen seinen wohlverdienten Jahresurlaub anzutreten. Trotz anderweitiger Ankündigungen meldet sich A in den nächsten zweieinhalb Wochen nicht mehr bei P.

Da der Urlaub näher rückt und A nicht reagiert, begibt sich P zur Werkstatt des F und lässt dort die Reparatur durchführen. Für die Reparatur entstehen P Kosten in Höhe von 2.000 €. Nach der Reparatur ruft P bei A an und verlangt von ihm die Reparaturkosten in Höhe von 2.000 € ersetzt. A weigert sich, diese Kosten zu ersetzen.

Kann P von A Zahlung der 2.000 € für die Reparatur verlangen?

Deine Skizze

Anspruch aus §§ 280 Abs. 1, Abs. 3, 281, 437 Nr. 3 Alt. 1 BGB

  1. Kaufvertrag
  2. Sachmangel bei Gefahrübergang

III. Fristsetzung

  1. Vertretenmüssen
  2. Kausaler Schaden
Deine Aufgabe

Arbeite jetzt die Skizze durch und entscheide bei jedem Prüfungspunkt:

  • Kann ich diesen Punkt in der Reinschrift problemlos abarbeiten? Dann lasse ich ihn stehen.
  • Stocke ich oder verliere ich bei der Prüfung den Überblick? Dann untergliedere ich.
  • Wirft der Sachverhalt eine zusätzliche Rechtsfrage auf? Dann ergänze ich den passenden Prüfungspunkt.

Und mach bitte kein Gutachten draus. Es geht ausschließlich um deine Strukturentscheidungen.

Wichtig: Markiere jede Stelle, an der du deine Skizze verändert hast, mit einem der drei Trigger, etwa S für Stocken, F für Fadenverlust und B für Schemabruch.

Vergleiche deine Bearbeitung erst jetzt mit meiner Kontrollskizze.

Es geht nicht darum, möglichst viele Unterpunkte mit meiner Kontrollskizze identisch zu haben. Es geht darum, für jede Vertiefung einen nachvollziehbaren Grund zu haben.

Stell dir bei deiner eigenen Skizze deshalb drei Fragen:

  1. Wo habe ich unnötig tief gegliedert, obwohl ich direkt hätte subsumieren können?
  2. Wo hätte ich tiefer gehen müssen, weil mir sonst eine wichtige Rechtsfrage durch die Lappen geht?
  3. Wo hätte ich mein Prüfungsschema wegen einer Besonderheit des Sachverhalts ergänzen müssen?

Halte die Antworten stichwortartig fest. Am besten neben oder unterhalb deiner Skizze.

Übrigens: Du brauchst nicht immer alle drei Trigger. Entscheidend ist, diejenigen zu erkennen, die tatsächlich auftreten.


Und was machst du morgen anders?

Wenn du morgen die nächste Klausur bearbeitest, üb das direkt nochmal. Schreib zunächst dein grobes Prüfprogramm runter. Geh die drei Trigger durch und gliedere nur dort weiter, wo du dafür einen konkreten Grund hast.

Gerade bei schwierigen Fällen wirst du feststellen, dass du an einigen Stellen ziemlich weit “nach rechts einrücken” musst, während du andere Prüfungspunkte praktisch unverändert lassen kannst. Das ist genau richtig so. 

Du brauchst keine möglichst ausführliche Lösungsskizze. Du brauchst eine, die dir die Reinschrift erleichtert.


PS: Nächste Woche Donnerstag, 29. Oktober 2026, von 19:30 bis 21:00 Uhr, arbeiten wir bei Fall-Feedback-Theorie LIVE gemeinsam an einem echten Klausurfall und schauen, wie aus Fallbearbeitung, Feedback und Fehlerdiagnose ein konkreter Lernplan entsteht.

Der Workshop ist kostenlos und interaktiv, findet über Zoom statt und wird nicht aufgezeichnet.

Die Anmeldung ist auf 160 Personen begrenzt. Da der Zoom-Raum maximal 100 Personen gleichzeitig fasst, erfolgt der Einlass nach der Reihenfolge des Beitritts. Meld dich also bitte nur an, wenn du auch tatsächlich vorhast, live dabei zu sein.

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